Das stille Örtchen

10. November 2008 | Thema: Tagebuch der Sarah Kammberg  | Kommentare lesen (2) | (5)

Auf dem Weg zu unserem großen Kopierer kommt man an den Toiletten vorbei und als ich mit meiner Akte unterm Arm auf eben diesem Weg war, hörte ich aus der Damentoilette ein Geräusch, das ich erst beim genaueren Hinhören als Schluchzen erkennen konnte. Eigentlich hatte ich für einen Abstecher in den letzten Zufluchtsort in Krisenzeiten keine Zeit, aber so tun, als hätte ich es nicht gehört, ging auch nicht. Also hab ich ganz vorsichtig die Tür aufgemacht und fand die Sekretärin des Personalchefs mit zwei dicken Wimperntuscheflüssen über den Wangen und einer Flasche Rescue Remedy-Tropfen in der Hand. Ich war ehrlich überrascht zu sehen, dass sich dieses Hilfsmittel auch schon seinen Weg in die anderen Vorzimmer gebahnt hat. Aber wegen dem Fläschen war ich ja nicht reingekommen.

Ich ahnte ja schon, was geschehen war. Denn mein Chef war eben erst aus einer Besprechung der "Häuptlinge" wiedergekommen und der Schwerpunkt war eine Präsentation des Personalchefs gewesen. Irgendwas musste wohl ziemlich schief gelaufen sein. Ich konnte es ihr ja so gut nachfühlen. Wer von uns hat nicht schon auf einer Damentoilette Rotz und Wasser geheult, nur um sich kurz danach frisch geschminkt und als wenn nichts gewesen wäre, wieder in die Höhle des Löwen zu begeben?

Kurz vor der Präsentation hatte ich meine Kollegin noch bepackt wie ein Maultier über den Gang hetzen sehen und dachte mir noch, dass sie gerade irgendwie nicht sehr souverän aussehen würde. Denn sie hatte ihren Laptop in der einen Hand, zwei dicke Aktentaschen in der anderen und ein Verlängerungskabel baumelte um ihren Hals. Ach, ja. Das am Kinn eingeklemmte Telefon hätte ich fast vergessen. So rauschte sie an den Teilnehmern der Präsentation vorbei ins Besprechungszimmer. Es würde mir bei einer so hochkarätigen Runde wie dieser nicht im Traum einfallen, auch nur irgendein Risiko einzugehen. Aber jedem das seine. Ich weiß noch, dass ich mich fragte, ob sie so erst richtig gut sei. Manche Menschen arbeiten unter Druck ja am effektivsten.

Aber was da in der Damentoilette auf dem Boden hockend vor sich hinjammerte, machte mir nicht den Eindruck als wenn sie zu diesem Menschenschlag gehören würde. Ihr war ihre hektische Vorbereitung nämlich in Form eines nicht funktionieren Mikrofons für ihren Chef um die Ohren geflogen und die versammelte Mannschaft hatte dafür herzlich wenig Verständnis aufgebracht. Ihr Chef zählt bei uns in der Firma eh nicht zu den Feinfühlenden und so konnte ich mir ungefähr vorstellen, was in dem Besprechungsraum vorgefallen war.

Nachdem ich sie so gut es ging getröstet hatte und ihr aufgefrischtes Make up begutachtet hatte, ging ich wieder an die Arbeit. Kurze Zeit später sah ich dann zu meinem Erstaunen einen unserer Techniker hektisch rumlaufen. Als ich ihn fragte, was denn los sei, erzählte er mir, dass eben diese Kollegin gerade in seinem Büro einen Auftritt hingelegt hätte, der bühnenreif gewesen wäre. Zitat: "Wie kann man mir ein Mikrofon mitgeben, ohne es vorher zu testen. Ein ganz mieser Job, den Sie da gemacht haben!" Das Herzchen! So was kann ich ja leiden. Nach unten treten ist so ziemlich das Mieseste, was ich kenne. Und ich Schaf hab ihr noch gut zugeredet und versucht sie aufzumuntern. Aber aus Fehlern lernt man. Noch mal zücke ich für die kein Taschentuch.

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SarahKammberg | 10. November 2008, 10:26 Uhr

Guten Morgen Frau Heintz,

Ein bisschen haben Sie recht, aber der Vorfall passierte wirklich wie beschrieben. Ich hatte - wo ich da so in der Toilette hockte - wie Sie ein Déjà-vu und erinnerte mich an Frau Münks Buch. Am Abend hab ich dann nachgelesen und sie sprach mir einfach aus der Seele. Und treffender als Frau Münk hätte ich z. B. die Damentoilette nicht als "letzten Zufluchtsort in Krisenzeiten" bezeichnen können. Manchmal brauche halt auch ich ein klein wenig Unterstützung.

Atlantida | 10. November 2008, 10:02 Uhr

Sehr geehrte Frau Kammberg,
das Buch liegt uns zwar gerade nicht vor, dennoch sind meine Kollegin und ich uns ziemlich sicher, dass man ihren heutigen Tagebuch-Auszug wortwörtlich so im Buch "Und morgen bringe ich ihn um" von Katharina Münk nachlesen kann. Falls dem so ist,empfinden wir das als unschönen Ideenklau, es sei denn, Sie selbst sind Frau Münk. Sollten wir uns irren, so entschuldigen wir uns für unsere Unterstellung,bitten aber in jedem Fall um eine kurze Stellungnahme.
MFG,P.Heintz

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